PolyCare

Kurznotiz

Unternehmen: 
PolyCare Research Technology GmbH & Co. KG
Gegründet: 
2010
Gründer: 
Dr. Gerhard Dust, Ing. Gunther Plötner
Produkt: 
Polymerbeton im Hochbau und Lumino-Produktlinie

 

 

Teaser

 

„Hilfe zur Selbsthilfe“ – das ist die große Vision der PolyCare Research Technology GmbH & Co. KG aus Gehlberg. Sie können Wüstensand in Bauelemente gießen und wollen damit  Menschen in Krisenregionen die Möglichkeit geben, sich wieder ein eigenes Heim zu erbauen. Dieses simple Baukastenprinzip findet derzeit weltweit Anklang. Viele Auszeichnungen wurden ihnen bereits zuteil, so wurde Polycare beim EU-weit ausgetragenen Wettbewerb „Ideas from Europe“ für eine der zehn herausragenden europäischen Ideen des Jahres 2016 geehrt.
Über 10 Jahre hat es nach eigenem Bekunden gedauert, die Gründungsidee aus einer eigentlich einfachen Idee reifen zu lassen und in innovative Produkte weiterzuentwickeln. Die Unternehmensgründer legen großen Wert auf ihren Standort in Gehlberg, einem industriegeschichtlich bedeutsamen Ort. Die regionale Einbindung, beispielsweise auch durch die Wirtschaftsförderung im Ilm-Kreis wird sehr geschätzt.

 

 

Die Gründung

 

Die PolyCare Research Technology GmbH & Co. KG wurde 2010 in Gehlberg gegründet. Das Ziel des Unternehmens ist die industrielle Forschung und Entwicklung auf dem Gebiet des Polymerbetons. Über 10 Jahre hat es nach eigenem Bekunden gedauert, die Gründungsidee aus dem ehemaligen Arbeitskontext reifen zu lassen und in innovative Produkte weiterzuentwickeln. Neue Rohstoffe sowie innovative Technologien und Produktionsverfahren bilden hierbei die Entwicklungsgrundlage. Die Gründer sind davon überzeugt, dass es im Baubereich noch viele ungenutzte Anwendungsmöglichkeiten für Polymerbeton gibt. Ein Fokus des Unternehmes liegt auf der Entwicklung bezahlbarer, wohnlicher und langlebiger Unterkünfte aus lokalen Naturmaterialien wie beispielsweise Wüstensand oder Abraumprodukten. Daneben entwickelte das Unternehmen zahlreiche Produkte im Bereich Außenanlagen und Gartenbau, einschließlich der Lumino-Produktlinie, die sich durch stark lumineszierende Oberflächen auszeichnet und unter anderem den „hellsten Pflasterstein der Welt“ beinhaltet. Zwischenzeitlich wurde das Produkt-Portfolio ständig erweitert. Von überragender nationaler und internationaler Resonanz seitens der Politik, in den Medien, der Fachöffentlichkeit und auf Messen begleitet, ist die PolyCare doch immer bodenständig geblieben.

 

Fragen zum Gründungsprozess

(im Gespräch mit Dr. Gerhard Dust und Gunther Plötner, Gründer der PolyCare Research Technology GmbH & Co. KG, 30.08.2016)

 

Was ist die Idee hinter der Gründung der PolyCare Research Technology GmbH & Co. KG?

 

„Unsere ursprüngliche Intention war die Lösung der Unterbringungsprobleme nach Naturkatastrophen in vielen Ländern der Welt. Sämtliche Wohnungsbauprojekte haben dort mit zwei Problemen zu kämpfen: der Verfügbarkeit von heimischen Arbeitskräften und preiswertem Material. Genau diesen Problemen begegnen wir mit unserer Entwicklung. Wir nutzen zu überwiegenden Teilen preiswertes, vor Ort verfügbares Grundmaterial wie Wüstensand und wir setzen mit unserem simplen Steck-Baukastensystem auf den Aufbau durch die Menschen vor Ort. Die grundlegende Befähigung der Menschen vor Ort und die Lieferung von Komplettanlagen für die Produktion übernehmen wir.
Die Sicherheitslage der Welt hängt auch von der Wohnsicherheit ab – Flüchtlingsströme ließen sich zum Teil vermeiden, wenn ein sicheres Heim geboten wird.“

 

Welche Entwicklungen betreiben Sie aktuell?

 

In den letzten 5 bis 6 Jahren seit unserer Gründung haben wir unsere Produkte ständig weiter entwickelt, um unseren heutigen Stand zu erreichen. Nunmehr geht es an die Vermarktung. Im Rahmen der Konferenz „Invest in Namibia 2016“ werden wir in Windhoek ein Musterhaus mit lokalen Arbeitskräften aufbauen. In China entwickeln wir in Zusammenarbeit mit einer Goldmine ein Verfahren zur Nutzbarmachung des dortigen Abproduktes, der Schlacke, in für uns geeignetes Baumaterial. In Indien sind wir eine Kooperationsbeziehung mit TATA eingegangen, um flächendeckend mit unserem System Toilettenhäuser an Schulen aufzubauen.

Aktuell befinden wir uns zur Erschließung weiterer Märkte in Gesprächen mit europäischen Investoren. Den Weg von „Gehlberg in die Welt“ werden wir nicht allein mit unseren 10 Mitarbeitern in Gehlberg bestreiten können. Daher denken wir an die Entwicklung eines internationalen Franchise-Systems.“

 

Welche Meilensteine oder Herausforderungen kennzeichneten Ihre Gründung?

 

„Ein wichtiger Meilenstein war die Fertigstellung unseres ersten Musterhauses aus Polymerbeton. In kürzester Zeit haben wir die Formen entwickelt, getestet und im Prozess immer weiter dazugelernt. Besonders trickreich war die Entwicklung unseres „Z-Steines“, der aufgrund seiner Geometrie schwierig zu formen war.
Eine Herausforderung war auch die Unterscheidung von seriösen Geschäftspartnern und sogenannten „Glücksrittern“. Wir sind seit unserer Gründung laufend von Interessenten aller Art kontaktiert worden. Es gab manchmal Situationen, in denen wir viel Zeit in unseriösen Verhandlungen verloren haben.
Ein besonders schönes Erlebnis war im Jahr 2015, als wir selber mit einer kleinen Mannschaft unser Musterhaus in Neu-Dehli errichtet haben.
Daneben sind für uns Anerkennung auf internationalen Konferenzen oder Messen immer Ansporn und Bestätigung zugleich, so zum Beispiel auf der Nürnberger Erfindermesse iENA oder der Erfindermesse in Genf. Auch die regionale Wertschätzung, beispielsweise durch unsere Wirtschaftsförderer ist etwas ganz besonderes, denn gute Kontakte in die Region sind wichtig.“

 

Was sind die weiteren Pläne und Visionen der PolyCare Research Technology GmbH & Co. KG?

 

„In der Zukunft wollen wir in Krisenregionen und den ärmsten Regionen der Welt eine Basis schaffen, mit der sich die Menschen vor Ort mit ihren vorhandenen Rohstoffen selbst eine Heimstatt aufbauen können. Hierzu sollen „Polycare-Fabriken“ in verschiedenen Ländern als selbständige Unternehmen nach einem Franchise-System aufgebaut werden.
In Gehlberg werden wir weiterhin Forschung und Entwicklung betreiben und unser Know-how weiter ausbauen. Als Ideen haben wir beispielsweise runde Steine, die sich landestypisch im südlichen Afrika absetzen ließen. Weitere Pläne sind die Entwicklung eines dreistöckigen Hauses, bisher lag unsere Grenze bei zwei Stockwerken. In Gehlberg könnten wir uns gegebenenfalls auch den Aufbau einer Ausbildungsstätte für das Personal der Auslandsgesellschaften vorstellen.“

 

Haben Sie jemals bereut, sich für den Weg in die Selbständigkeit entschieden zu haben?

 

„Nein, wir haben im Großen und Ganzen den Weg in die Selbständigkeit nicht bereut und würden es wieder so tun. Momentan erscheinen uns die Erfolgsaussichten glänzend.“

 

Unser Standort

 

Was macht Ihren Standort Gehlberg im südlichen Ilm-Kreis so besonders?

 

„Die Wahl unseres Standortes in Gehlberg haben wir nie bereut. Wir können hier Ruhe und Kraft schöpfen. Mit Gehlberg haben wir eine Kommune gefunden, die stolz auf uns ist und das Unternehmen unterstützt. Weiterhin haben wir hier einfach eine landschaftlich schöne Umgebung, um Geschäftspartner und Kunden zu empfangen. Wir denken aktuell auch an die Etablierung eines Schulungshauses in der Region für unsere Produktionsprozesse.
Mit der LEG als unserem Vermieter pflegen wir eine gute Zusammenarbeit, auch deshalb würden wir uns immer wieder für diesen Standort entscheiden. Unser Gebäude ist bemerkenswert: es war Teil der Gundelach-Hütte und steht unter Denkmalschutz. Mit der Herstellung der ersten Röntgen-Röhren Ende des 19. Jahrhunderts wurde hier Industriegeschichte geschrieben. Später entstanden hier auch die ersten braunschen (Fernseh-) Röhren. Der Erfindergeist vergangener Jahrhunderte steckt quasi in den Mauern und ist ein Vermächtnis für uns.“

 

Was zeichnet Thüringen als Unternehmensstandort aus?

 

„Die Struktur der kleinen Unternehmen in unserer Region ist überraschend gut, es gibt hier viele gute „Bastler und Tüftler“ sowie Werkstoffkundler. Das Thüringer Netzwerk schätzen wir als ein besonderes ein, mit den Wirtschaftsförderern des Ilm-Kreises und des Freistaates, unseren Unternehmens- und Forschungspartnern.
Unsere Hoffnung ist, dass unser Hausbausystem irgendwann Thüringen genauso berühmt macht wie die Thüringer Bratwurst.“

 

Welche Vorteile hat Ihnen die Nähe zur Technischen Universität Ilmenau eröffnet?

 

„Vor einiger Zeit haben wir einen Kooperationsvertrag mit der TU Ilmenau abgeschlossen. An der TU Ilmenau existieren verschiedene Lehrstühle, die für uns interessant sind. Zum Beispiel erhalten wir seit längerer Zeit von der Professur für Kunststofftechnik ganz wertvolle Unterstützung beim Formenbau. Der Formenbereich war mit das schwierigste in unserer Entwicklungsarbeit.“

 

Unsere Tipps

 

Welche Tipps können Sie anderen Gründern mit auf den Weg geben?

 

„Jeder Gründer sollte einen eigene Fahrplan haben und diesen ständig gegenprüfen. Zur Absicherung vor nicht absehbaren Eventualitäten benötigt man immer einen Plan B. Ich habe im Laufe eines langen Unternehmerlebens meine eigenen goldenen Regeln aufgestellt“, so Dr. Dust:

  1. Fairness: Behandele Deine Angestellten und Geschäftspartner so, wie du selbst behandelt werden möchtest. Freunde sind immer mehr wert als Feinde.
  2. Träume: Jeder Einzelne hat das Recht, die Welt zu verändern. Setze Deine Ziele mit Deinem größtmöglichen Selbstvertrauen, aber bleibe realistisch, was umsetzbar ist.
  3. Entwickle Dich weiter: Schaue über den eigenen Tellerrand und lerne von Anderen. Investiere Zeit in Networking und scheue Dich nicht davor, andere um Rat zu fragen.
  4. Kommerzialisierung: Die beste Idee ist nutzlos, wenn man sie nicht verkaufen kann. Alles dreht sich um den Kundennutzen.
  5. Team: Suche und finde stets das beste Personal, lass es teilhaben an Deiner Vision und motiviere es fortwährend.“

 

Fotos: Poly Care

Marvin Best im September 2016